GewinnerInnen der Einheit?

(Erschienen 2019 in Frauenstadtarchiv Dresden (Hrsg.). Frauen der Wendegeneration. Eine Spurensuche: Wissenschaft. Medien. Biographien. Dresden: Frauenstadtarchiv. S. 25-29).

In einem Fragenblock unter der Überschrift “Als was fühlen Sie sich …?” werden in der Sächsischen Längsschnittstudie seit vielen Jahren verschiedene Identitätsbereiche abgefragt, etwa das Fühlen als “Europäer/Europäerin”, als “Sachse/Sächsin” oder als “Bürger(in) der ehemaligen DDR”. In diesem Themenblock wird auch nach dem Erleben als “Gewinner(in) der deutschen Einheit” gefragt. Die beiden Antwortmöglichkeiten “ja, vollkommen” und “ja, etwas schon” werden zu “GewinnerIn” zusammengefasst. Die Abbildung zeigt die Ergebnisse von 2005 (Welle 19) bis 2017/18 (Welle 30) nach den Geschlechtern getrennt.

Abbildung: Einschätzung als “GewinnerIn der deutschen Einheit” von 2005 bis 2017/18 in Prozent nach Geschlecht, (c) (r) 2020 Prof. Dr. Hendrik Berth, Sächsische Längsschnittstudie

Die Daten zeigen zu allen Erhebungszeiträumen deutliche Geschlechtsunterschiede. Unter den Männern schätzen sich stets mehr Befragte als Gewinner der Einheit ein. 2005, als diese Frage zum ersten Mal gestellt wurde, waren es nur knapp ein Drittel der Frauen aber fast zwei Drittel der Männer, die sich bereits als Gewinner bezeichneten. Zu allen Wellen ab 2005 sah sich immer eine Mehrheit der Männer als Gewinner, bei den Frauen ist dies erst einige Jahre später (ab 2010) der Fall. In beiden Gruppe findet am im Zeitverlauf eine deutliche Zunahme der Gewinnereinschätzung. Bei den Männern waren es 2017/2018 über 80, bei den Frau 66 Prozent GewinnerInnen. Im Umkehrschluss zeigen diese Zahlen aber auch, dass 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung sich noch immer 20 Prozent der ostdeutschen Männer und 34 % der ostdeutsche Frauen als VerliererInnen der deutschen Einheit einstuft.

Zu dieser Frage liegen aus früheren Wellen der Sächsischen Längsschnittstudie dezidierte Analysen zu zeitlichen Veränderungen und zu Einflussfaktoren vor (vgl. Berth et al., 2014). Die Einstufung als VerliererInnen der Einheit war 2012 neben dem Geschlecht auch von den Arbeitslosigkeitserfahrungen, dem Wohnort Ostdeutschland und einem niedrigeren Einkommen beeinflusst. Personen, die nicht CDU/CSU-WählerInnen waren, sahen sich ebenfalls häufiger als Einheitsverlierer. Weiterhin konnte in dieser Auswertung gezeigt werden, dass die Einstufung als VerliererIn der Einheit sich ihrerseits auch (negativ) auf die Bewertung anderer Lebens- und Politikbereiche auswirkte, u.a. etwa auf die Befürwortung der deutschen Einheit im Allgemeinen, die Zufriedenheit mit der Lebenssituation und der Politik, der Bedrohung durch Arbeitslosigkeit, der Identitätswahrnehmung als Bundesbürger oder auf die persönliche Zukunftszuversicht. Diese Trends finden sich ganz ähnlich auch in allen späteren Erhebungswellen der Sächsischen Längsschnittstudie: Personen, die sich als VerliererInnen der Einheit einstufen sind unzufriedener mit vielen Bereichen des alltäglichen und politischen Lebens.

Abbildung: GewinnerIn bzw. VerliererIn der deutschen Einheit – Auswirkung auf verschiedene Einstellungen 2012 (%),(c) (r) 2020 Sächsische Längsschnittstudie, Prof. Dr. Hendrik Berth

Quellen:

Berth, H., Förster, P., Brähler, E., Zenger, M., Zimmermann, A. & Stöbel-Richter, Y. (2014). Wer sind die Verlierer der deutschen Einheit? Ergebnisse aus der Sächsischen Längsschnittstudie. In E. Brähler & W. Wagner (Hrsg.), Kein Ende mit der Wende? Perspektiven aus Ost und West (S. 75-87). Gießen: Psychosozial-Verlag.