Ergebnisse

Die Einschätzung der deutschen Wiedervereinigung

Aus den ausführlichen Studienergebnissen, die in den entsprechenden Publikationen nachzulesen sind, lassen sich fünf Tendenzen in Bezug auf das Erleben der Wiedervereinigung ableiten:

1) Die generelle Befürwortung der deutschen Einheit ist bei den TeilnehmerInnen seit 1990 unverändert hoch. Die entsprechende Frage lautete »Wie stehen Sie zur Vereinigung von DDR und BRD?«. Waren es 1990 bereits 73% die »dafür« oder »sehr dafür« waren, ist dieser Anteil bis 2017/2018 (Welle 30) auf 89% angestiegen. Zu keinem Zeitpunkt gab es mehr KritikerInnen/GegnerInnen als BefürworterInnen.

Abbildung: Einstellungen zur deutschen Einheit 1990 bis 2017, (c) (r) 2019 Prof. Dr. Peter Förster, Sächsische Längsschnittstudie.

2) Diese allgemeine und ungebrochene Zustimmung zur Wiedervereinigung bedeutet jedoch nicht, dass der Prozess des Zusammenwachsens aus Sicht der Befragten bereits abgeschlossen ist – ganz im Gegenteil. Recht konstant sind auch die Antworten auf die Fragen »Wie lange wird es wohl dauern, bis es den Ostdeutschen so gut geht, wie jetzt den Westdeutschen?« bzw. »Wie lange wird es wohl dauern, bis Ost- und Westdeutsche zu einer richtigen Gemeinschaft zusammengewachsen sind?«. Die angenommenen Zeiträume werden von Jahr zu Jahr länger. 2017/2018 wurden für die wirtschaftliche Einheit 21 Jahre und die innere Einheit noch 26 Jahre veranschlagt. 1990 waren es »nur« 6 bzw. 8 Jahre.

Abbildung: Geschätzte Dauer (Jahre) bis zur Herstellung der wirtschaftlichen bzw. inneren Einheit 1990 bis 2017, (c) (r) 2019 Prof. Dr. Peter Förster, Sächsische Längsschnittstudie

3) Die Kritik und Unzufriedenheit der StudienteilnehmerInnen bezüglich vieler Einzelaspekte des ostdeutschen Transformationsprozesses spiegeln sich in einer ganzen Reihe der abgefragten Indikatoren wider, etwa:

  • der Zukunftszuversicht für sich selbst bzw. die eigenen Kinder,
  • der Einschätzung von Schulbildung, Familienförderung, menschlichem Zusammenhalt, Kriminalität oder sozialer Sicherheit im Vergleich früherer (DDR) mit den heutigen Gegebenheiten,
  • der tatsächlich erlebten Arbeitslosigkeit bzw. der Angst vor Arbeitslosigkeit oder
  • der Zufriedenheit mit der Politik. Auf die Frage »Wie zufrieden sind Sie mit dem politischen System in der Bundesrepublik?« äußerten konstant über alle Erhebungswellen in den vergangenen Jahrzehnten unter 50% der Befragten Zufriedenheit (1992: 30%, 2017/2018: 39%).
Abbildung: Zufrieenheit mit dem politischen System der Bundesrepublik 1992-2017, (c) (r) 2019 Prof. Dr. Peter Förster, Sächsische Längsschnittstudie

4) Die Einstellungen, Meinungen und Ansichten der TeilnehmerInnen sind durch verschiedene Einflussfaktoren, die sich wiederholt in verschiedenen Analysen zeigten, geprägt. Eine kritischere Sicht in ganz unterschiedlichen Themenfeldern haben häufiger die Frauen, Personen mit Wohnort Ostdeutschland, Personen mit einem niedrigeren Einkommen, Personen mit (längeren) Arbeitslosigkeitserfahrungen und Personen, die sich vor 1989 stärker mit dem System in der DDR identifizierten.

5) Auch 30 Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung ist das Herkunftsland DDR bei den TeilnehmerInnen unvergessen. Dies zeigt sich am deutlichsten in der Identitätseinschätzung als »DDR-Bürger«. Zwischen 77% und 92% fühlen sich »etwas« bzw. »vollkommen« als »Bürger der ehemaligen DDR«. In der letzten Welle 2017/2018 waren es 89%. Aber auch in weiteren Fragen, die einen Bezug zur ehemaligen DDR aufweisen, finden sich häufig relativ positive Einschätzungen. Dies betrifft etwa die Aussagen:

  • froh darüber zu sein, die DDR noch erlebt zu haben,
  • die generelle Einschätzung des Lebens in der DDR im Ganzen,
  • die Einschätzung des Sozialismus als gute Idee oder
  • die Beurteilung verschiedener Aspekte des Lebens im direkten Vergleich von DDR und Bundesrepublik.
Abbildung: Identität als DDR- bzw. Bundesbürger 1990-2017, (c) (r) 2019 Prof. Dr. Peter Förster, Sächsische Längsschnittstudie

Quellen:

Berth, H., Brähler, E., Zenger, M. & Stöbel-Richter, Y. (Hrsg.) (2019). 30 Jahre ostdeutsche Transformation. Sozialwissenschaftliche Ergebnisse und Perspektiven der Sächsischen Längsschnittstudie. Gießen: Psychosozial-Verlag.